Markt Mähring  | Mittwoch, 17. Januar 2018
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Was Lohhäuser mit Mähring verband

Ansichtskarte von Lohhäuser (vor 1917)
obere Bildhälfte: Blick über den unteren Ortsteil in Richtung Mähring
untere Hälfte: Ansicht auf den oberen Ortsteil

Mähring war der Ort, der Lohhäuser am nächsten lag. Vieles verband die Menschen mit ihm: Arbeit und Brot, Boden und Kirche, Verwandtschaft und Freunde.

Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges konnten die Mähringer noch ihre eigenen Felder und Wiesen im Böhmischen nutzen.

Ein Katasterauszug von 1788 belegt, dass wenigstens sechzehn Familien aus Mähring "im Revier Lochhäusel" Grundstücke bewirtschafteten.

Umgekehrt hatten Bewohner aus Lohhäuser bis zu vier Hektar Grund auf Mähringer Gemeindegebiet erworben und bis zu ihrer Vertreibung bewirtschaftet.

Flurbezeichnungen im Forstrevier Lohhäuser erinnerten an Mähringer Grund auf böhmischer Seite, wie "Streunzn-, Schmied-, Metzger-, Dickn-,Wagner-, Binderwiese" oder "Girchfriedl-Englgirgl-Wies". An der Bezirksstraße nach Dreihacken, "am langen Berg", lag die "Mähringer Wiese".

1926 im Mähringer Forst: Vorarbeiter Thomas Huber (aus Lohhäuser) mit "Kulturweibern" aus Mähring und Lohhäuser.

Waldarbeiterinnen und Waldarbeiter fanden Broterwerb im bayerischen Staatswald. Männer und Frauen halfen gelegentlich in der Landwirtschaft aus, fanden Arbeit und Lohn. Arbeiter aus Lohhäuser bauten vor dem Ersten Weltkrieg an der "Egerer Straße" mit, die von Mähring zur Niklaskirche und weiter nach Waldsassen führt.

Auch die Mähringer Gemeindeverwaltung pflegte nachbarschaftliche Beziehungen.Als 1896 eine Eisenbahnstrecke von Marienbad über Mähring nach Tirschenreuth geplant wurde, um die Verbindung zum boomenden Bäderbetrieb in Marienbad (über Eger) abzukürzen,lud die Marktgemeindeverwaltung Mähring auch "das jenseitige löbliche Gemeindeamt" und alle Interessierten aus Lohhäuser ein. Die Verlegung einer Stromleitung von Mähring nach Lohhäuser scheiterte 1939 an den Finanzen des Dorfes. Bauern aus Mähring betätigten sich im Revier Lohhäuser in der Holzabfuhr. Schmiede, Schreiner, Wagner, Zimmerleute u.a. Handwerker arbeiteten für die Menschen hinter der Grenze. 1905/06 erhielt Mähring eine Wasserleitung. Die Quellen für das Mähringer Trinkwasser, berichtet die Kirchenchronik, "liegen an der böhmischen Grenze bei Lohhäuser".

Besonders enge Beziehungen bestanden zur Kirche. Ihre Nähe führte die Gläubigen zur Sonntagsmesse und zur gemeinsamen Teilnahme religiösen Veranstaltungen.

Zwar gehörte Lohhäuser zur Pfarrgemeinde Dreihacken, doch der Ort lag 1 ½ Stunden Fußweg entfernt, die Marktgemeinde Mähring nur eine halbe Stunde – aber hinter der Landesgrenze in Bayern. Verständlich,dass sonntags die meisten Kirchgänger den kürzeren Weg wählten, obwohl man dort im Winter gleich viel fror. Unbeheizt waren beide Kirchen. Mühsam mussten sie sich manchmal einen schmalen Fußsteig durch den hohen Schnee stapfen, um ihrer Sonntagspflicht zu genügen. Einige nutzten die Gelegenheit, um im Nachbarort gleich Lebensmittel oder Gebrauchsartikel einzukaufen, die allerdings über die Grenze geschmuggelt werden mussten. Man "paschte", wie es hieß, und brauchte das Schmuggeln wohl auch nicht zu beichten. Umgekehrt gingen Mähringer auf ein böhmisches Bier in die Gasthäuser nach Lohhäuser oder kauften Tabakwaren und Lebensmittel ein, die in Böhmen günstiger waren. Mähringer Bürger spendeten für das 1925 in Lohhäuser errichtete Kriegerdenkmal.

Außer der Zollstraße nach Promenhof fanden in den zwanziger Jahren die häufigsten Grenzübertritte nach Lohhäuser statt, das als eine amtliche Grenzübergangsstelle ausgewiesen.

Männer aus Lohhäuser sangen im Mähringer Kirchenchor. Michael Grillmeier, der langjährige Mähringer Chorleiter und Organist, erinnert sich noch 2007, dass er zusammen mit Georg Mühlbauer im Kirchenchor sang und Gertrud Hültner und Franz Huber aus Lohhäuser Zitherunterricht erteilte.

Kirche in Mähring

Beim Kirchenbesuch in Mähring rang man bisweilen um die in den Kirchenbänken reservierten Plätze, die mit Namensschildchen gekennzeichnet waren.

Hatte man sich zu den Gottesdienstzeiten nicht mit einem "Platzhalter" in Mähring abgesprochen, blieben in der Regel nur die hinteren Reihen, die "Eselsbänke" an den Seiten, vielleicht auch die Treppe oder Empore.

Besuche des Pfarrers im Ort und das Spenden von Sakramenten gehörten zum christlichen Alltag. Gottfried Ott erinnert sich noch 2007 daran, dass er an einem Wintertag als Ministrant Pfarrer Hofmeister zu einem Versehgang nach Lohhäuser begleiten und mit der Laterne im tiefen Schnee vorausstapfen musste.

Pfarrer Karl Hofmeister, der 1921 die Pfarrei in Mähring übernommen hatte, schienen die Menschen in Lohhäuser besonders am Herzen gelegen. Auch in Absprache mit dem Pfarrer von Dreihacken half er im Ort. Er habe sich mehr in Lohhäuser aufgehalten als in Mähring, wird noch 60 Jahre später behauptet. Karls täglichen "Breviersteig" kennen ältere Mähringer noch heute, auch sein festes Ruheplätzchen: "Karls-Ruhe". An manchem Nachmittag in den 30er Jahren, erinnern sich Zeitzeugen, soll er sich im böhmischen Dorf eine Zigarre, eine "Virschiner", gekauft haben und im Gasthaus "Beim Girgn" (Nr. 10) auf eine kleine Vesper eingekehrt sein. Besonders beliebt schien er auch bei den Kindern. Pfarrer Hofmeister resignierte 1939, blieb aber in Mähring", berichtet die Pfarrchronik. Ihm hatten im Böhmischen kirchenrechtliche Befugnisse zugestanden. Eine Inschrift auf seinem Sterbezettel in Mähring weist ihn aus als "Pfarrer von Mähring, Erzbischöfl. Prag’scher Notar.

Kirchliche Begegnungen und Besuche gab es aus vielerlei Anlässen, bei Gottesdiensten, Taufen, Hochzeiten oder Begräbnissen. Die "Lochåner" und Mähringer besuchten sich bei Festen, Theater- und Tanzveranstaltungen gegenseitig. Auf dem "Margner Fest" (St. Kathrein) feierten die Menschen aus dem Nachbarort mit.

"Mähring war doch wie ein Teil von Lohhäuser", behauptete nicht nur die 90-jährige Rosl Lanzendörfer. Brachen die Bewohner von Lohhäuser zu Wallfahrten auf schlossen sie sich vielfach Mähringer Wallfahrern an, wie zur "Niklaskirche" (am 6. Dezember und 25. April) und zum "Alten Herrgott". Zu ihm zu wallfahren gehörte in Lohhäuser zum festen Bestandteil des religiösen Lebens. Auch nach ihrer Vertreibung suchten die ehemaligen Bewohner hier wieder Hilfe und Trost.

Ein südlich der Niklaskirche gelegenes großes Wiesenstück im Bayerischen, die "Nikolaus Wiesen", besaß 1918 Johann Lanzendörfer aus Lohhäuser.

Im Pfarrbuch Mähring, begonnen 1801, wird auf Seite 230 vermerkt: "Am Fest des Hl. Wenzeslaus lässt nach altem Herkommen der Müller von Lohhäuser, gegenwärtig [1904] Friedrich Huber, eine Hl. Messe zu ehren dieses Heiligen in St. Nikolaus lesen, worauf die böhmischen Wallfahrer, übrigens nicht zahlreich, zum Alten Herrgott wallfahren. In Böhmen ist dieser Tag ein Festtag."

Man ärgerte und neckte sich. Die Kinder kannten "grenzüberschreitende" Spottverse.

Junge Burschen aus Lohhäuser freiten um Mähringer Mädchen – und umgekehrt. Mähringer heirateten nach Lohhäuser und Frauen und Männer aus Lohhäuser nach Mähring – verwandtschaftliche Bindungen entstanden. Forstleute, Lehrer, Finanz-, Zoll und Gendarmeriebeamte tauschten sich aus.

Als sich die Vertreibung abzeichnete, versuchten die Menschen noch einige Habseligkeiten über die Staatsgrenze zu retten und in Mähring unterzustellen. In vielen Familien und Höfen fanden sie liebevolle nachbarschaftliche Aufnahme. Randvoll mit Koffern, Säcken, Taschen, Körben oder Kisten seien manche Scheunen gewesen, erinnert sich noch heute Franz Schöner. Beim späteren Abholen der geretteten Gegenstände gab es vereinzelt auch Undank und Ärger.

"Zuzugsperre" verhinderte nach der Vertreibung, dass viele Familien in Mähring ihren Wohnsitz nehmen konnten. Doch wenige Hundert Meter hinter der Grenze ließen sich Lanzendörfer auf ihrem etwa 50 Tagwerk großen Grundstück nieder. Ein kleines gemauertes Häuschen erinnert noch heute daran. Die Lehrerfamilie Mühlbauer und die Försterfamilie Pikal wohnten eine Zeit lang in Mähring.

Angehörige anderer Familien aus Lohhäuser (z. B. Lanzendörfer aus Nr. 23, Lampalzer aus Nr. 25, und Richt aus Nr. 29) fanden auf dem Mähringer Friedhof ihre letzte Ruhe.

Die meisten ehemaligen Bewohner verkauften oder verpachteten nach 1946 ihre auf Mähringer Gemeindegebiet gelegenen Grundstücke.

Zum "Anna-Fest" im Juli trafen sich wiederholt die im Westen wohnenden Menschen aus Lohhäuser, wenngleich zunehmend weniger. Sie beteten, tauschten ihre Erinnerungen aus und blickten wehmütig auf die Fluren ihres verschwundenen Dorfes hinter dem Eisernen Vorhang. Direkt an der Grenze standen sie und suchten hinter der Absperrung nach vergangenen Bildern. Mancher versuchte, sich zu erinnern und Reste seiner Kindheit zu entdecken. Doch die Felder und Wiesen, soweit man sie einsehen konnte, lagen brach, und die dichter und größer gewachsenen Sträucher und Bäume hatten zunehmend die Landschaft verändert. Die Jahre erschwerten die Erinnerung, auch zu unterscheiden, was wa(h)r und was wirklich ist. Die vertraute Vergangenheit wurde fremder.

Die meisten der ehemaligen Bewohner erlebten die Öffnung der Grenze am 1. Mai 1990 nicht mehr.

Inzwischen bedeckt der Wald wieder größere Flächen des vor mehr als 250 Jahren gerodeten Walddorfes. Noch heute bestehen teilweise enge Kontakte zu Mähringer Bürgern, von denen die älteren noch vieles zu erzählen wissen.

Am Ortsausgang von Mähring in Richtung Niklaskirche und am Waldrand, an der Einmündung der ehemaligen Bezirksstraße, weisen seit Sommer 2002 eine Tafel und Hinweisschilder "Nach Lohhäuser", die der Heimatverein Mähring aufstellen ließ.

Als der Marktgemeinderat Mähring im Frühjahr 2003 einstimmig beschloss, eine Patenschaft über das verschwundene Nachbardorf zu übernehmen, besiegelte er diese Verbundenheit mit Lohhäuser.

Wie auf folgenden Bildern zu sehen ist verwachsen die Äcker und Wiesen des verschwundenen Dorfes mit Wald.

1943
2003